Schlafen und Einschlafen

Seit Jahren beraten wir Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern und Schlaf ist immer wieder ein Thema, was intensiv mit viel Zeit betrachtet wird (wahrscheinlich weil es ein Grundbedürfnis für Kinder und Eltern ist). Zudem ist der Umgang mit dem Thema Schlaf/Einschlafen bei Säuglingen/Kleinkindern extrem unterschiedlich – auch in der Fachwelt.

„Beim Anziehen des Pullovers bin ich fast eingeschlafen – weil es kurz dunkel wurde … Mehr muss man über meinen morgendlichen Zustand nicht wissen.“ [N.N.]

Schlafmangel und die daraus ergebende Erschöpfung verhindert häufig  die Möglichkeit, sich in die spezielle Situation des Kindes hineinzuversetzen. Zudem können  vor lauter Erschöpfung oft gemeinsame schöne  Momente während des Tages  nicht wahrgenommen werden. Es entstehen sehr schnell negative Kreisläufe, aus denen die Kinder selbst nicht herauskommen können. Der erste Schritt- die erste Veränderung muss dann von den Eltern kommen.

Oft ist der Aufbau eines Netzwerkes zur Entlastung der erste Schritt in Richtung positiver Veränderung.

Der Tages-und Nachtrhythmus entwickelt sich erst im Laufe der ersten Lebensjahre, da die Entwicklung sehr komplex ist, was neuere Erkenntnisse  der Hirnforschung belegen.     

Schlafunterbrechungen gehören zur normalen Entwicklung.

Sowohl das Temperament des Kindes und der Eltern sowie das Erleben der Schwangerschaft und Geburt können Schlafverhalten beeinflussen.

Der Schlafbedarf  von Säuglingen variiert individuell extrem. Ein Unterschied von bis zu vier Stunden im Gesamtschlafbedarf innerhalb von 24 Stunden ist möglich. (Diese Tatsache ist in der untenstehenden Abb. nicht berücksichtigt !!)


Entwicklung der Schlafdauer sowie Verteilung von REM-Schlaf (Leichtschlaf) und Non-Rem-Schlaf (Tiefschlaf) – nach Rolfwang, Muzio, Dement
Quelle: „Schlaf im ersten Lebensjahr“ (Barbara Schneider und Angelika Schlarb)
aus: Frühe Kindheit/die ersten sechs Jahre   Heft: 04/18 S. 6-15

In den ersten 6 Monaten (s. Abb1) verändert sich der Anteil des leichteren REM-Schlafes  zum Tiefschlaf von  60% auf 25%. Diese 25% bleiben bis zum ersten Lebensjahr relativ stabil. In der Regel erfolgen  nach der ersten Tiefschlafphase ( ersten Nachthälfte) mehrere Übergänge von leichtem Schlaf(+kurz aufwachen) zum Wiedereinschlafen in den Tiefschlaf in der zweiten Nachthälfte. Daraus ergibt sich, dass das Einschlafen ein zentraler Punkt für die Wahrscheinlichkeit von „gelingenden“ Nächten ist.

Während der Leichtschlafphasen  werden die Erlebnisse des Tages verarbeitet, was zur Entwicklung des Gehirns eine wichtige Rolle spielt. Deshalb schläft ein Kind in Zeiten von Entwicklungssprüngen oder aufregenden neuen Tageseindrücken oft unruhiger, wacht häufiger auf. Ähnlich wie beim späteren Lernen werden auch Bewegungsmuster und anderes neu Erlerntes in der Nacht verfestigt.

Die Einschätzung der Eltern, ob ein Kind „gut“ schläft ist zudem  immer wieder subjektiv durch die Eltern interpretierbar – je nachdem welches Schlafbedürfnis oder welcher Schlaftyp die Eltern selbst sind. Manchmal haben Eltern in ihrem „Biographie-Rucksack“ so viel, dass es sinnvoll sein kann, auch dorthin zu schauen. Hinzu kommt, dass Säuglinge unterschiedlich starke Unterstützung für ihre Selbstregulation (z.B  beim Einschlafen) benötigen. Natürlich muss der Kinderarzt die körperliche Gesundheit des Säuglings bestätigen.

 Es kann sehr schnell dazu kommen, dass Säuglinge nur unter bestimmten Bedingungen (nur auf dem Arm der Mutter oder nur stillend/mit Milchflasche etc.) einschlafen. Dieses  „Ritual“ benötigen viele Säuglinge  dann in der Nacht beim Wiedereinschlafen ebenfalls (Anm. der Verf.: Es geht nicht um das Thema verwöhnen !!! Das stark begleitete Einschlafen wird nach meinen Erfahrung  erst dann ein Problem, wenn es über den 7-8 Monat hinaus weitergeführt wird, da dann die Eltern oft  extrem erschöpft sind. Jede Familie kann individuelle Lösungen haben, solange das Kind sich gut entwickelt und die Eltern zufrieden sind.)

Die Einschlafrituale sind änderbar – je nach Alter des Kindes brauchen Kinder auch hier die Möglichkeit,  eine elternunabhängigere  Variante üben zu dürfen. Wer als Erwachsener schon mal sein `Einschlafritual´ ändern musste, weil z.B. eine Verletzung die gewohnte Einschlafposition verhindert, weiß wie schwer das ist und das es Zeit braucht, um sich an das Neue zu gewöhnen.

Zudem brauchen die Kinder das Signal, dass sie emotional von den Eltern begleitet werden, das tagsüber die Autonomiebestrebungen der Kinder genauso geschätzt werden wie die Bindungsmomente, in denen sie in den sicheren Hafen der Eltern einlaufen dürfen. Wer sich tagsüber nicht von den Eltern entwicklungsangemessen  trennen kann, kann das nachts (einschlafen ist ja auch eine Art „trennen“ )  noch schlechter.

Wir möchten Eltern ermuntern,  bei Erschöpfung durch Schlafmangel  die Möglichkeit einer –oft relativ kurzen-  Beratung  zu nutzen, um einen zufriedenstellenden individuellen Lösungsweg zu finden.